Literaturwissenschaftlicher Essays

Herkömmliche Begriffe literarischer Moderne sind von einem nachhaltigen Konsens mit ihrem Gegenstand, insbesondere mit dessen durchweg starker Reserve gegen den Prozess gesellschaftlicher Modernisierung bestimmt. Solche mangelnde Distanz zum Gegenstand hat den Blick auf das komplexe Verhältnis zwischen ästhetischer und gesellschaftlicher Moderne verengt und den Kontakt der Literaturwissenschaft zu neueren Theoriebildungen der philosophischen, sozial- und geschichtswissenschaftlichen Moderneforschung erschwert, wenn nicht unterbunden. Der Aufsatz skizziert Möglichkeiten einer Reformulierung des literaturwissenschaftlichen Modernebegriffs, die an diese Theoriebildungen anknüpft. Sie führt über eine Explikation des Begriffs gesellschaftlicher Moderne, die für einen präzisierenden Zugriff auf Positionen und Konzepte der ästhetischen Moderne operationalisiert werden.

Traditional concepts of literary modernity are characterised by a lasting consensus with their subject matter, in particular with its strong reservations against the process of social modernisation. This lack of distance to the subject matter has narrowed perspectives on the complex relationship between aesthetic and social modernity, and obstrued if not prevented any contact between literary studies and newer theories arising from philosophical, sociological and historical research on modernity. The essay outlines possibilities for a reformulation of the literary concept of modernity that connects with these theories. This new approach begins with an explication of the concept of sicial modernity, which is then operationalised for more precise access to the positions and concepts of aesthetic modernity.

BiographienJane Austen Jane Austen für Feministinnen: Literaturwissenschaftlicher Essay von Renate Kraft

Jane Austen für Feministinnen: Literaturwissenschaftlicher Essay von Renate Kraft

In ihren Romanen findet die Heldin am Ende immer den Richtigen: gut situiert, charmant, gebildet, charakterlich einwandfrei. Und natürlich werden sie glücklich leben, im Kreise ihrer Nachbarn, Freunde und Verwandten, deren Ehen nicht immer ganz so passend geschlossen wurden und die deshalb nicht immer ganz so glücklich sind.

Jane Austen, die Verfasserin dieser Romane, lebte von 1775 bis 1818 und blieb zeit ihres Lebens unverheiratet. Im Jahr 1811 gelang es ihr zum ersten Mal, einen ihrer Romane zu veröffentlichen. Da war sie 36 Jahre alt und schrieb seit 20 Jahren. Sie verstand sich als professionelle Schriftstellerin. Bis zu ihrem Tod schrieb sie fünf weitere Romane, an den Endfassungen arbeitete sie jeweils etwa zwei Jahre. Zu ihren Lebzeiten hätten ihre Einnahmen als Schriftstellerin nicht ausgereicht, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, als Zusatzeinkommen für eine von den Zuwendungen ihrer Brüder lebende Frau waren sie jedoch höchst willkommen. Heute, 200 Jahre später, würden die Rechte an den Romanen und deren zahlreichen Verfilmungen ihre Autorin reich machen. Denn die Geschichten von armen oder gutbetuchten, schüchternen oder übermütigen jungen Frauen auf dem dornigen Weg zum Geheiratetwerden haben nicht aufgehört, Publikum und Kritik zu faszinieren.

Wie kann das sein? Was kann uns an Jane Austens Heldinnen interessieren, jenen von Vätern, Ehemännern und der guten Gesellschaft abhängigen, dem gepflegten Müßiggang verschriebenen Geschöpfen aus den unteren Rängen des englischen Landadels? Was sollten uns ihre Heiratsprobleme angehen, uns, die wir die gängigen bürgerlichen Freiheiten erkämpft haben oder denen sie zugefallen sind, mit allen Konsequenzen: dem eigenen Konto, der Rentenversicherung und der Patchwork-Familie. Oder streift uns eine Sehnsucht nach Zeiten, in denen es scheinbar ausreichte, vom richtigen Mann geliebt zu werden?

Eine solche Sehnsucht, falls wir sie denn hätten, erhielte beim genauen Lesen der Romane wenig Nahrung. Im Gegenteil: Jane Austen lässt keinen Zweifel daran, dass das Einwerben eines Bräutigams für eine Frau ihrer Zeit und ihrer Gesellschaftsschicht ein mühseliges Unterfangen war und dass dabei die Chancen auf künftiges Unglück weit höher standen als auf Glück. Vom Ehemann hing die gesamte Zukunft einer Frau ab: Ob sie reich war oder arm, ob sie in der Gesellschaft respektiert wurde, ob sie mit sympathischen Menschen zusammenlebte, ob und wie sie am gesellschaftlichen und kulturellen Leben ihrer Zeit teilnehmen konnte, ob sie ein Kind nach dem anderen austragen und die Risiken des Kindbetts immer wieder auf sich nehmen musste - alle diese Fragen entschieden sich für eine Frau bei der Eheschließung. Für eine Frau war Heiraten d i e Lotterie des Lebens.

Eine Frau musste alles daran setzen, einen Ehemann zu finden, denn sie hatte kein eigenes Einkommen. Landbesitz und Geldvermögen gehörten dem Vater oder dem Ehemann und wurden in aller Regel an die Söhne vererbt. Wenn es keinen Sohn gab, ging das Erbe oft komplett an den nächststehenden männlichen Verwandten. Gelang es einer Frau nicht zu heiraten, war sie für den Rest ihres Lebens von der Unterstützung durch ihren Vater oder ihre Brüder abhängig und lebte als geduldete altjüngferliche Tante in einem ihrer Haushalte. Eine Frau musste außerdem einen standesgemäßen Ehemann finden: In den unteren Schichten der Gentry war man von funktionierenden familiären und nachbarschaftlichen Beziehungen abhängig, und eine Heirat war vor allem eine Verbindung zweier Familien zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen beider Seiten. Liebesehen waren möglich, solange sich die Partner an diese Vorgaben hielten. Dafür, dass sie das taten, sorgten die Eltern, die dem Sohn den Zugriff auf sein Vermögen verweigern oder die Mitgift der Tochter zurückhalten konnten.

Die Zwänge, die von diesen Rahmenbedingungen ausgingen, hat Jane Austen in ihren Romanen mit großer Deutlichkeit dargestellt. Ihre Heldinnen haben oft keine Mitgift zu erwarten und betreten den Heiratsmarkt von vornherein mit einem Nachteil, den sie im günstigen Fall durch besondere Attraktivität mindern können. Auch von daher erklären sich die Ausnahmequalitäten einer Elinor Dashwood oder einer Elisabeth Bennet: Ohne ihre Vorzüge hätten sie von vornherein keine Chance.

In dieser Hinsicht gleichen sie ihrer Autorin. Ja, man lebte in großen Häusern, die Austens Vater als Pfarrei zur Verfügung gestellt wurden. Und man beschäftigte selbstverständlich Dienstboten, die so gut wie nichts kosteten. Im übrigen wurde eher kärglich gewirtschaftet. Jane Austens Mutter trug bei ihrer Trauung ein rotes Reisekleid, das anschließend viele Jahre lang zum Ausgehen diente. Mit dem zur Pfarrei gehörenden Jahreseinkommen konnte man gerade so auskommen - Austens Vater nahm, als seine Familie größer wurde, Privatschüler ins Haus und besserte dadurch das Familienbudget auf. Er schickte seine Söhne auf ordentliche Schulen und seine Töchter auf dürftige Mädchenpensionate. Weder Jane noch ihre ältere Schwester Cassandra konnte er mit einer Mitgift ausstatten. Immerhin hatten sie die Möglichkeit, sich in der großen Bibliothek des Vaters nach eigenem Gusto zu bedienen und erwarben so eine gewisse Bildung. Wichtiger noch war vielleicht die Möglichkeit, lesend die engen Grenzen der eigenen Welt zu überschreiten, Neues kennenzulernen, die Phantasie schweifen zu lassen.

Man nahm an Familienfesten und Bällen in der Nachbarschaft teil: Die Frauen nähten neue Bänder an ihre Kleider und Hauben, einige konnten Tanzmusik auf dem Klavier spielen; die jungen Leute trafen ihre Nachbarn und die Verwandten ihrer Nachbarn, die gerade zu Besuch waren und in der Regel wochenlang blieben. Cassandra verlobte sich mit einem jungen Mann ohne Vermögen, der zur Kriegsmarine ging, um sich dort ein Einkommen zu verschaffen, und der bald darauf in der Karibik an einem tropischen Fieber starb. Jane flirtete heftig mit Tom Lefroy, dem Neffen ihrer Nachbarin, der als frischgebackener Jurist am Anfang einer glänzenden Karriere stand und den seine Tante schnellstmöglich nach Hause schickte, bevor er etwa eine unvorteilhafte Ehe hätte eingehen können.

Als Jane fünfundzwanzig Jahre alt war, war die Nachbarschaft abgegrast, das Auftauchen passender Heiratskandidaten nicht mehr zu erwarten. Hals über Kopf beschlossen die Eltern eine Übersiedlung in den gesellschaftlich angesagten Kurort Bath, wohl in einem letzten verzweifelten Versuch, die Töchter dort doch noch unter die Haube zu bringen. Der Versuch misslang. Als Jane kurze Zeit später im Haus von Bekannten einen Heiratsantrag von dem sechs Jahre jüngeren, ihr weitgehend unbekannten Harris Bigg-Withers erhielt, lehnte sie ab, weil sie keine Zweckehe eingehen wollte.

Nach dem Tod des Vaters 1805 folgte für die unverheirateten Schwestern und ihre Mutter eine Zeit demütigender Abhängigkeit von den knappen Zuwendungen der Brüder. Teilweise reichte das Geld nicht einmal zur Miete einer Wohnung, so dass die drei Frauen sich als Gäste in den Häusern von Verwandten und Bekannten aufhalten mussten. In dieser Zeit stellte Jane, die seit ihrer Kindheit schriftstellerisch tätig gewesen war, ihre literarische Produktion ein. Erst 1810 entschloss sich der ältere Bruder Edward, der von reichen Verwandten ein großes Vermögen geerbt hatte, den Frauen ein Haus zur Verfügung zu stellen. Dort entstanden die Endfassungen der sechs großen Romane. In ihnen kommt zu einem glücklichen Ende, was der Autorin im Leben nicht gelungen war: trotz fehlender Mitgift eine Liebesheirat einzugehen.

Und so haben seit dem 19. Jahrhundert Biographen und Literaturkritiker Jane Austen als liebevolle und bescheidene alte Jungfer porträtiert, die an einem Tischchen im Familienwohnzimmer Romane aufs Papier strichelte, in denen sich ihr eigentlicher Herzenswunsch wenigstens in der Phantasie erfüllt: Romane, die wegen ihrer formalen Meisterschaft zu loben sind, die aber dennoch nicht wirklich “groß” sind, weil die politische und soziologische Dimension in ihnen allzu sehr fehlt. Um “drei oder vier Familien in einer ländlichen Gemeinde” drehte sich, wie Jane Austen selbst sagte, das Romangeschehen, Haupt- und Staatsaktionen werden nicht dargestellt. Die Autorin galt als Spezialistin für Herzensangelegenheiten.

Diese Auffassung hat sich heute geändert. In der Literaturwissenschaft hat man eingesehen, dass in Jane Austens Romanwerk gesellschaftliche Zustände und Prozesse verhandelt werden, auch politische Ereignisse zur Sprache kommen, aber eben in ihren Auswirkungen auf die Einzelne. Und dass die liebevolle Tante Jane scharfe Krallen hatte, vor allem wenn es um die Sache der Frauen ging. So bringt Jane Austen die wirtschaftlichen Voraussetzungen von Eheschließungen immer sehr genau auf den Punkt. Ihre Romananfänge sind in dieser Hinsicht berühmt-berüchtigt. “Vor etwa dreißig Jahren hatte Miss Maria Ward aus Huntingdon, mit nur 7000 Pfund, das große Glück, Sir Thomas Bertram, von Mansfield Park in der Grafschaft Northampton, für sich einzunehmen, und dadurch in den Rang einer Baronin erhoben zu werden, mit all der Annehmlichkeit und Bedeutung, die ein ansehnliches Haus und ein großes Einkommen verleihen.” (Mansfield Park) Oder auch: “Emma Woodhouse, hübsch, intelligent und reich, mit einem annehmlichen Heim und einer glücklichen Veranlagung, schien einige der größten Segnungen des Lebens auf sich zu vereinen ...” (Emma) Kaum eine Romanfigur wird uns vorgestellt, ohne deren Einkommensverhältnisse zu nennen: “[Bingleys] Freund, Mr. Darcy, zog bald die Aufmrksamkeit aller auf sich durch seine schöne, große Gestalt, sein hübsches Gesicht, seine edle Haltung und durch das fünf Minuten nach seiner Ankunft bereits umgehende Gemunkel, er verfüge über zehntausend Pfund im Jahr.” (Stolz und Vorurteil)

Entsprechend realistisch sind die jungen Leute bei Jane Austen auf Braut- und Bräutigamschau unterwegs. Und dennoch wollen Jane Austens Heldinnen mehr: Sie wollen einen Mann, den sie lieben können, und sie wollen ein sinnvolles Leben führen. Wir würden heute von Selbstverwirklichung sprechen, in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war diese Selbstverwirklichung jedoch immer auf das Ganze bezogen: auf die Familie, den Stand, das ganze Haus mit seinen zahlreichen Angehörigen, Abhängigen und Dienstboten.

Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Julia Prewitt Brown hat 1979 darauf aufmerksam gemacht, dass die Hochzeiten am Ende der Romane dieses Ganze verbessern oder wieder in Ordnung bringen. Hier liegt für sie die gesellschaftliche Aussage von Jane Austens Romanen. Wenn Elizabeth Bennet am Ende von “Stolz und Vorurteil” den reichen Landadligen Darcy heiratet, wird diese Verbindung auch eine Arbeitsgemeinschaft mit gesellschaftlichen Aufgaben sein. Elisabeth heiratet nicht nur einen gut aussehenden, reichen Mann, sondern auch einen vorbildlichen Gutsherrn, der seine Untergebenen anständig behandelt und den Wohlstand aller auf seinen Gütern Arbeitenden befördert. Noch bevor sie selbst Kinder bekommen, begründen die beiden jungen Leute neue Familienbeziehungen, indem sie ihre jüngeren Geschwister betreuen. Das klingt systemkonform. Und in der Tat verliebt sich Elisabeth auch deswegen schließlich in Darcy, weil sie ihn auf seinem Landgut Pemberley in seinem Wirkungskreis erlebt.

Zum Liebling aller modernen Feministinnen ist Elisabeth aber dadurch geworden, dass sie im Laufe des Romans gleich zwei Heiratsanträge ausschlägt, und das, obwohl sie sich ökonomisch in einer überaus prekären Lage befindet. Sie ist eine von fünf Töchtern eines Landadligen, dessen gesamter Besitz nach der geltenden Erbfolgeregelung dem nächststehenden männlichen Verwandten zufallen wird: dem pompösen Geistlichen Mr. Collins.

Als dieser die Familie zu einer ganz offensichtlichen Brautschau besucht, wählt er für seinen Antrag ausgerechnet die lebhafte und spöttische Elisabeth aus und hält ihr - wohl in allzu genauer Kenntnis der eigenen Unattraktivität - ihre ökonomische Bedürftigkeit vor Augen: “Da ich einmal das Gut nach dem Tode ihres verehrten Vaters erben werde - der jedoch noch viele Jahre länger leben mag -, kann ich mich nicht ohne den Entschluss zufriedengeben, mir eine Frau unter seinen Töchtern zu wählen, damit der Verlust für sie so wenig spürbar wie möglich wird, wenn dieser traurige Fall eintritt - [...] Ich werde an Ihren Vater keine Forderung richten, da ich wohl weiß, dass sie nicht erfüllt werden könnte, und eintausend Pfund, zuzüglich der vier Prozent, wahrscheinlich alles sein wird, was Sie je zu erwarten haben, und die fallen Ihnen ja auch erst nach dem Tode ihrer Mutter zu. In diesem Punkt werde ich daher unverändert schweigen, und Sie können sicher sein, dass kein engherziger Vorwurf je über meine Lippen kommen wird, wenn wir verheiratet sind.”- Elisabeth aber reagiert mit einer heftigen Zurückweisung, ganz so als gäbe es keine ökonomischen Zwänge und als stünde ihr die ganze Welt offen. Sie besteht auf dem Vorrang ihrer Gefühle, widersteht den Vorhaltungen ihrer Mutter und kritisiert ihre Freundin Charlotte Lucas dafür, dass diese Collins heiratet, um versorgt zu sein.

Noch spektakulärer ist Elisabeths Zurückweisung des weitaus attraktiveren Darcy, wie die amerikanische Feministin Judith Lowder Newton herausgestellt hat. Wie sie zeigt, gibt Darcy sich als Connoisseur, der unter vielen Frauen auswählen kann, und nennt Elisabeth gegenüber Bingley “erträglich, aber nicht hübsch genug, um mich zu reizen.” Beim 'Social' in Meryton fordert er sie nicht zum Tanzen auf, weil er keine Lust hat, “jungen Damen Bedeutung zu geben, die von den anderen Männern übersehen werden”.

Als er schließlich Elisabeth doch einen Heiratsantrag macht, spricht er kaum von Liebe und Zuneigung, aber sehr nachdrücklich von seinem Stolz, den er habe überwinden müssen. Er betont auf diese Weise seine Privilegien als Wählender, seine Autonomie, seine Macht, einer Frau erst Bedeutung zu geben. Und er handelt sich eine der beschämendsten Ablehnungen der Literaturgeschichte ein. Elisabeth, schön, selbstbewusst und überaus wehrhaft, gelingt es, die Machtkonstellation umzudrehen und Darcy in die Rolle des Abhängigen, des unglücklich Verliebten zu bringen. Sie ist es, die schließlich eine Wahl nach ihren ureigenen Kriterien trifft, als sie Darcy am Ende des Romans doch heiratet. Newton sieht Elisabeth als “eine Machtphantasie” Jane Austens. Anstatt, wie andere Frauen des Romans, sich wählen zu lassen und dabei schlechte Kompromisse einzugehen, bringt Elisabeth Darcy dazu, ausdauernd um sie zu werben und sein Verhalten ihren Wünschen gemäß zu verändern. Auf diese Weise kann sie ihre Lebensbedingungen selbst gestalten.

Ist das schon Feminismus? Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden von der Konstruktion des Romans nicht in Frage gestellt: Wie alle anderen Frauen sichert sich Elisabeth die Annehmlichkeiten und die Bedeutung ihres künftigen Lebens durch Heirat. Sie wird eine adlige Dame mit Ehemann, eigener Kutsche und zehntausend Pfund im Jahr. Aber sie hat sich nicht einschüchtern lassen und sie verweigert Darcy jede Kontrolle über sich. Seinen Beurteilungen kommt sie mit eigener Kritik zuvor und fordert ihn damit immer wieder heraus. Ihre relative Macht entsteht aus ihrem Übermut, ihrer Unbekümmertheit und ihrer geistigen Überlegenheit. Auch damit rührt Jane Austen an ein Tabu ihrer Zeit, sahen doch die Regeln des gesellschaftlichen Anstands vor, dass eine Frau sich in allen Lebenslagen bescheiden, unterwürfig, gefühlvoll und schwach zu zeigen hätte. Sie sollte sich in jungen Jahren vor allem attraktiv präsentieren und später die Rolle der Mutter hingebungsvoll ausfüllen. Bildung galt als vorteilhaft, wurde jedoch vor allem als schmückende Zutat gesehen, die die Frau auf keinen Fall dazu verleiten dürfe, in männliche Domänen vorzudringen, sprich: abweichende Meinungen zu vertreten, zu argumentieren oder gar zu streiten.

Genau das aber tut Elizabeth - und sie wird von der Romankonstruktion dafür belohnt. Schon zu Beginn des Romans wird sie als intellektuell überlegen, lebhaft und eigenwillig beschrieben und dabei gleichzeitig als großzügig, fürsorglich und einnehmend. Im Unterschied zu ihrer streberhaften Schwester Mary und zu ihrem zynischen Vater tritt sie der Welt mit einer Haltung des Verstehen-Wollens, dem Wunsch nach einer wirklichen Durchdringung komplizierter Verhältnisse, gegenüber.

Sie entspricht damit genau dem weiblichen Ideal, das Mary Wollstonecraft in ihrer Streitschrift “Vindication of the Rights of Women” 1792 aufgestellt hatte: Frauen sollten selbstständige und eigenverantwortliche Menschen sein dürfen, die in Familie und Gesellschaft ernstzunehmende Aufgaben erfüllten, statt passiv und angepasst ihren Lebensinhalt in der Jagd nach dem richtigen Mann zu sehen. Dieses Ziel war nach Ansicht Wollstonecrafts am besten durch Bildung zu erreichen: nicht durch bloße Anhäufung von Wissen und Fertigkeiten, sondern durch Verstehen und Urteilen. An den oberflächlichen, untätigen und frivolen Frauen der so genannten guten Gesellschaft übte Wollstonecraft dagegen scharfe Kritik - und die Charakterisierung von Janes Mutter und ihrer jüngsten Schwester Lydia scheint diese Kritik aufzunehmen. Auf diese Entsprechung und auf weitere Anspielungen auf Wollstonecrafts Streitschrift in Jane Austens Romanen hat Lloyd Brown 1973 in seinem Aufsatz “Jane Austen und die feministische Tradition” hingewiesen.

Es gilt als sicher, dass Jane Austen die Forderungen Wollstonecrafts kannte, wenn nicht aus eigener Lektüre, dann aus der breiten gesellschaftlichen Diskussion, die über sie wie auch über andere frühe Feministinnen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in England geführt wurde. Mit ihrem Roman “Stolz und Vorurteil” scheint Jane Austen sich bewusst in die Tradition des frühen Feminismus zu stellen, der im Gefolge der Aufklärung entstanden war.

Aber nicht alle ihre Heldinnen können geltende Normen so unbekümmert missachten, den wirtschaftlichen Zwängen so erfolgreich die Stirn bieten wie Elisaebeth Bennet. Sie mögen klug und überlegen sein, eigensinnig und unbekümmert oder vernünftig und beherrscht, stehen jedoch von Roman zu Roman stärker allein. Anne Elliot, die Hauptfigur des letzten veröffentlichten Romans “Überredung” hat zu Beginn der Romanhandlung ihr Leben eigentlich schon hinter sich. Als junges Mädchen ist sie dem Rat einer mütterlichen Freundin gefolgt und hat den Heiratsantrag des nicht standesgemäßen Marinesoldaten Wentworth zurückgewiesen. Als Wentworth, mit militärischen Ehren dekoriert und inzwischen sehr wohlhabend, aus den napoleonischen Kriegen zurückkehrt, lebt Anne unglücklich und vorzeitig gealtert das Leben einer unverheirateten Frau am Rande der Großfamilie.

Der Roman beschreibt Anne als “verblüht”, und indirekt werden damit die Normen kritisiert, in deren Namen sie um die Blüte und die Fruchtbarkeit ihres Lebens gebracht wurde: das Standesbewusssein des Landadels und die alleinige Orientierung am gesellschaftlichen Erfolg. Erst der Kontakt mit der Natur und mit der Herzlichkeit der bürgerlichen Offiziere und ihrer Familien lässt Anne Elliot aufblühen, was wiederum Wentworths alte Liebe zu ihr wieder aufleben lässt. Wie durch ein Wunder finden sich die beiden ehemals Liebenden, die das gesellschaftliche Kalkül voneinander getrennt hat, am Ende doch als Paar wieder.

Das Wunder hat auch mit Annes wachsendem Selbstverständnis als Frau zu tun: Sie entwickelt einen klaren Blick auf die gesellschaftlichen Voraussetzungen ihrer Lage und beginnt ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. In einem Gespräch mit Captain Harville sagt Anne, ohne zu wissen, dass Wentworth ihr zuhört: “Männer haben jeden Vorteil vor uns gehabt, wenn sie ihre Geschichte erzählten. Bildung hat ihnen in einem so viel höheren Maße zur Verfügung gestanden; die Feder war in ihren Händen.” Und: “Wir [Frauen] leben zu Hause, still, eingeschlossen, und unsere Gefühle verzehren uns. Ihr seid zur Anstrengung gezwungen. Ihr habt immer einen Beruf, Beschäftigungen, Geschäfte irgendeiner Art, die euch sofort in die Welt zurückbringen ...” Für Wentworth wird aus dieser Unterhaltung deutlich, dass Anne ihn immer noch liebt, für die Leserin, dass Anne trotz ihrer äußeren und inneren Einsamkeit Zugang zu sich selbst gefunden hat.

Für sie ist das schwieriger als für jede andere Hauptfigur bei Jane Austen. Wo Elisabeth Bennet in der Sicherheit einer verlässlichen Schwesternbeziehung aufgehoben ist, trifft Anne bei ihrer leiblichen Schwester auf kühles Unverständnis, und der Einfluss der mütterlichen Freundin Lady Russell hat sie um die Liebe ihres Lebens gebracht. In ihrem gesellschaftlichen Umfeld findet sie keine emotionale Unterstützung. Erst im Verlauf der Handlung gelingt es ihr, Zuwendung und Gemeinsamkeit außerhalb ihrer Gesellschaftsschicht zu finden.

In dieser Situation rücken die Erzählerin und ihre Figur stärker zusammen als in jedem der früheren Romane. In einem bisher ungekannten Maße fühlt sich die Erzählerin in die Innenwelt ihrer Figur ein, bis Anne am Schluss des Romans für sich selbst sprechen kann. Die große erzähltechnische Neuerung Jane Austens ist das direkte Nachempfinden der Gedanken und Gefühle der Heldin mithilfe der so genannten Erlebten Rede. Mit dieser Technik der Rede- und Gedankenwiedergabe kommt die Erzählerin ihrer einsamen Heldin gleichsam zu Hilfe und nimmt die Rolle ein, die in den früheren Romanen die Schwester innehatte.

Und so bleibt, über den Umweg der sich einfühlenden Erzählerin, Schwesterlichkeit, oder genauer: schwesterliche Verbundenheit, die entscheidende Beziehung in den Romanen. Auf diese Beziehung sind alle Hauptfiguren angewiesen und bezogen. Mit ihrer Hilfe können sie der Welt gegenüber eine gewisse Unabhängigkeit an den Tag legen und widrigen Umständen die Stirn bieten. Weit davon entfernt, sich gegenseitig durch Konkurrenz oder Missgunst zu schwächen, sind sie ohne Einschränkung das, was wir heute “solidarisch” nennen würden. Mehr noch: Sie geben einander das Verständnis, das jede von ihnen braucht, um sich ihrer selbst in der anderen zu vergewissern. In einer Gesellschaft, die den Frauen nur wenig Unterstützung bietet, sind sie der positive Spiegel und das entscheidende Gegenüber der anderen. Auch in diesem Punkt hat Jane Austen den Feministinnen von heute etwas zu sagen. Und mit der Erlebten Rede fordert sie die Leserin dazu auf, der Erzählerin in die Einfühlung mit der Heldin zu folgen.

Jane Austen starb 1818, im Alter von nur 42 Jahren, in den Armen ihrer Schwester Cassandra, die ein Leben lang ihre engste Vertraute gewesen war. Schon als Kinder hatten Cassandra und sie als unzertrennlich gegolten, und die beiden Mädchen wurden zusammen ins Pensionat geschickt, weil Jane ohne Cassandra nicht sein wollte. Später lebten die Schwestern als unverheiratete Frauen im gleichen Haushalt. Wahrscheinlich war das nicht immer nur schön. Besonders in den Jahren der Armut muss sich auch ein Stück Depression in das gemeinsame Leben eingeschlichen haben. Dennoch hat Jane Austen der Verbundenheit von Schwestern in ihren Romanen ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Literatur

Brown, Julia Prewitt (1979): Jane Austens Novels. Social Change and Literary Form. Cambridge u.a.: Harvard University Press.

Brown, Lloyd W. (1973): Jane Austen and the Feminist Tradition. In: Nineteenth Century Fiction Nr. 28, 321-338

Glage, Liselotte (1984): Jane Austen „Pride and Prejudice“. Modellanalysen zur englischen und amerikanischen Literatur Band 12. München: Fink

Jehmlich, Rainer (1995): Jane Austen. Erträge der Forschung Band 286. Darmstadt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Le Faye, Deirdre (2002): Jane Austen. The World of Her Novels. London: Frances Lincoln

Maletzke, Elsemarie (1997): Jane Austen. Eine Biographie. Frankfurt/M.: Schöffling

Martynkewicz, Wolfgang (1995): Jane Austen. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch

Mullan, John (2012): What Matters in Jane Austen? Twenty Crucial Puzzles Solved. London u.a.: Bloomsbury

Newton: Judith Lowder (1978): Pride and Prejudice: Power, Fantasy, and Subversion in Jane Austen. In: Feminist Studies Nr. 4, 27-42.

Roberts, Warren (1995): Jane Austen and the Frech Revolution. London u.a.: Athlone

Taylor, Barbara (2003): Mary Wollstonecraft and the Feminist Imagination. Cambridge: Cambridge University Press

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