Karten Analysieren Erdkunde Beispiel Essay

Essay: Zwischen religiösem Produkt und Orientierungshilfe – Die Darstellung Afrikas auf Landkarten des 14. bis 16. Jahrhunderts

von Patrick Loewert

Zusammenfassung

Die Bedeutung historischer Karten innerhalb der Geschichtswissenschaft wird im Essay „Zwischen religiösem Produkt und Orientierungshilfe – Die Darstellung Afrikas auf Landkarten des 14. bis 16. Jahrhunderts“ von Patrick Loewert herausgestellt, indem er insbesondere spätmittelalterliche Kartierungen Afrikas einer genauen Untersuchung unterzieht. Am Beispiel der Karten Theatrium Orbis Terrarum (1570), der Dulcerts Karte (1339) und der berühmten Ebstorfer Weltkarte (Anfang 14. Jh.) zeigt sich, dass frühe Darstellungen von Landschaften keineswegs reine Realitätsabbildungen waren – ihnen lag eine ganz andere Intention zu Grunde.

Der Sinn dieser faszinierenden, reich bebilderten Weltdarstellungen war eben nicht, wie heute, die exakte Wiedergabe der Realität mit Hilfe von geografischen Kenntnissen, sondern geht über diese Funktion weit hinaus. Man wollte sich die Terra incognita ausmalen und gestaltete das unbekannte Gebiet mit Hilfe von sagenumwobenen Figuren, fabelhaften Wesen und religiösen Symbolen. Zum einem ist dies durch den Mangel an geografischem Wissen begründet, zum anderen aber im Bestreben der Menschen im Mittelalter, ihre Welt zu deuten und das geografische Wissen mit den religiösen Vorstellungen zu verbinden. Das Essay veranschaulicht diese für uns heute unvorstellbare Verschmelzung von irdischer und geistlicher Welt im Mittelalter.

Abstract

The importance of historical maps for the study of history will be discussed in the essay „Zwischen religiösem Produkt und Orientierungshilfe – Die Darstellung Afrikas auf Landkarten des 14. bis 16. Jahrhunderts“ (Between a Religious Product and a Orientation Guide – The Representation of Africa on Maps from the 14th to the 16th Century) by Patrick Loewert. The author focuses on the mapping of Africa in the late Middle Ages. The following maps serve as examples: Theatrium Orbis Terrarum (1570), Dulcerts Map (1339) and the famous Ebstorfer world map (from the beginning of the 14th century). The maps show that the early depictions of landscapes did not to any degree offer a realistic image. Thus, these maps were intended for a different purpose. The main intention of the richly illuminated world maps was not the precise depiction of reality according to geographical knowledge, but rather something that goes beyond the scope of this function. The main goal was to show the unknown territory and to describe this area with the help of creatures of myth and legend as well as religious symbols. On the one hand, this is due to the lack of geographical knowledge; on the other, it shows the urge of the medieval people to interpret and link geographical knowledge with religious ideas. The essay shows this amalgamation of mundane and spiritual worlds in medieval times, which is entirely unfamiliar for us today.

Résumé

L’essai « Zwischen religiösem Produkt und Orientierungshilfe – Die Darstellung Afrikas auf Landkarten des 14. bis 16. Jahrhunderts » (« Entre produit religieux et aide à l’orientation – la représentation de l’Afrique sur les cartes géographiques du 14° jusqu’au 16° siècle ») de Patrick Loewert met en valeur la signification des cartes historiques en analysant de façon détaillée la cartographie de l’Afrique du bas Moyen Age. C’est à travers la carte géographique Theatrium Orbis Terrarum (1570), le portulan de Dulcert (1339) et la fameuse mappa mundid’Ebstorf (datant du début du 14° siècle) que Loewert démontre le fait que cette cartographie  précoce ne visa pas du tout à une pure représentation de la réalité géographique, mais que son objectif fut tout autre : contrairement à nos jours, l’intention de base de ces représentations fascinantes et riches en images du monde dépassa le cadre fonctionnel d’une simple reproduction exacte de la réalité à l’aide des connaissances géographiques : ces cartes peignirent la Terra incognita tout en présentant ces régions inconnues à l’aide de figures mythiques, légendaires, d’êtres fabuleux ainsi que de symboles religieux ce qui résulta d’un côté du manque de connaissances géographiques profondes, de l’autre côté de l’objectif et du but de l’homme médiéval d’interpréter le monde qui l’entoure tout en liant des connaissances géographiques à la conception religieuse. L’essai illustre donc cet amalgame du temporel et du religieux qui est tout à fait inconcevable pour l’homme d’aujourd’hui.

Einleitung – Eine Relativierung des Urteils über historische Karten

‹1› Richtet der heute lebende Mensch einen kurzen Blick auf eine mittelalterliche Landkarte, so wird er unweigerlich mit Merkmalen konfrontiert, die seinen Sehgewohnheiten streng zuwiderlaufen. Wir, die wir mit dem funktionalen Prinzip von Satelliten- und Straßenkarten vertraut sind, dürften wohl zuerst von der reichhaltigen Dekoration überrascht sein, die als Umrahmung des historischen Werkes dient. Danach könnte sich unser Blick auf die seltsame, fantastisch anmutende Form der Kontinente richten, die wenig mit den uns bekannten Küstenverläufen gemeinsam haben. Schließlich dürften dem Betrachter die vielen kleinen Darstellungen auffallen, die Land und Meer auf Karten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit schmücken. Darunter finden sich Schiffe, Gebäude, Personen und andere mehr oder weniger reale Lebewesen (siehe Abb. 1).

‹2› Die historischen Karten scheinen uns heute fremd. Ihre Grundprinzipien stehen in starkem Widerspruch zur navigatorischen Priorität unserer Satellitenbilder und elektronischen Landkarten. Eine Karte wird nach der Internationalen Kartographischen Vereinigung heute als „versinnbildlichte Repräsentation geographischer Realität“1) definiert. Einer Karte des Untersuchungszeitraums müssen wir den Umstand absprechen, dass sie die geographische Realität vollständig abbildet. Ihre Intention war, das geographische Wissen mit religiösen Vorstellungen zu verbinden. Die Karten wurden teilweise umrahmt wie ein Gemälde, und stellten gewissermaßen ein Fenster zu einer Welt dar, die für den zeitgenössischen Betrachter nur in sehr kleinem Maßstab zu bereisen war. Auch wenn unsere heutigen Karten real scheinen, – jedes Satellitenbild wird retuschiert, damit es unseren Sehgewohnheiten entspricht, und ist niemals ein objektives Abbild unserer Welt2) – sind vor allem die historischen Kartenwerke, insbesondere die Weltkarten des späten Mittelalters und der frühen Renaissance, eher als Bilder denn als Versuch zu definieren, eine objektive Realität abzubilden. Der moderne Anspruch auf zielgerechte Vollständigkeit war unmöglich zu erfüllen, sodass die eigentliche Karte – quasi als Kompensation – einen bildhaften Zusatz erhielt. Dieser besteht aus den erwähnten Darstellungen in der Karte bzw. an ihren Rändern.

Terra Incognita Afrika

‹3› Diese Darstellungen auf Karten des späten Mittelalters werden im Folgenden analysiert und interpretiert. Für eine genauere Betrachtung ist es aber zuerst notwendig, den Radius der zu behandelnden Abbildungen einzuschränken. Untersuchungsgegenstand werden Karten aus dem 14. bis 16. Jahrhundert sein. Diese Zeit liegt in einem besonderen Spannungsfeld, in dem das traditionelle transzendente Denken sowie neue Gedanken und Ideen zusammenprallen, um sich am Ende der Epoche zu entladen: Die europäische Expansion, soziale Unruhen und die Reformation sind nur einige Beispiele hierfür. Gleichzeitig begann der Europäer, seinen Horizont nach und nach zu erweitern. Für die Bibel und den damit verbundenen mittelalterlichen Vorstellungen von der Welt waren die Orte, die sich nicht mit dem Heilsgeschehen befassen, d.h. außerhalb der sogenannten Ökumene liegen, unbedeutend.3) Den ersten europäischen Entdeckern im betrachteten Zeitraum jedoch gaben unbekannte Länder Anlass zu immer neuen und gefährlichen Seereisen, durch die das Wissen um die geographische Welt erweitert wurde, sodass mit Ortelius Theatrium Orbis Terrarum von 1570 (siehe Abb. 2) die Erschließung der Küstenverläufe im Wesentlichen abgeschlossen war.4) Ein Erdteil, der aufgrund seiner menschenfeindlichen Umwelt, seiner Unzugänglichkeit und einem vermeintlichen Mangel an interessanten Ressourcen bis ins 19. Jahrhundert hinein jedoch weitgehend unerforscht blieb, war Afrika. Hier befand sich konstant Terra Incognita, unbekanntes Gebiet. Dieses konnte nach damaligem Verständnis von keinen Menschen bewohnt werden, die sich ja allesamt auf den biblischen Adam oder Noe innerhalb der christlichen Ökumene zurückführen ließen, und war somit nicht Teil des relevanten christlichen Lebensraumes.5)

‹4› Die Darstellungen im Inneren Afrikas auf historischen Karten werden gemeinhin sinnentleert interpretiert, als dekoratives Beiwerk und spirituell-geistliche Symbole, die in der weltlichen Kartographie keinen Platz finden und deren Fehlen nach Meinung mancher Autoren den intellektuellen Anspruch der Karte erhöht.6) Die vormodernen, nicht-technischen Bilder, zu denen ja auch diese Darstellungen zählen, werden als der Willkür des Künstlers ausgesetzt angesehen, die einer objektiven Wahrheit nicht entsprechen können und als Fantasieprodukte gelten.7) Ihre Funktion – und ich benutze hier absichtlich diesen anachronistisch scheinenden Begriff – war jedoch vordergründig weder dekorativ noch rein spirituell. Irdische und geistliche Welt waren im 14. und 15. Jahrhundert noch keine isolierten Einheiten, sondern fanden im Leben des Menschen und all seinen lebensweltlichen Erklärungen eine starke Überschneidung. Der Mensch begann, sich seiner Individualität, seines Mensch-Seins bewusst zu werden8); gleichzeitig konnte er aber in den Karten nicht ohne die Informationen auskommen, welche die christliche Lehre und teilweise irreführende Reiseberichte ihm vorgaben. Bilder waren transzendente Produkte, die der Künstler aus sich gegenseitig ergänzenden weltlichen und geistlichen Vorstellungen entwarf. In modernen Karten existiert eine zweigliedrige Opposition: die objektivierte Realität wird durch bekannte Symbole abgelesen. Bei Bildern und Karten des späten Mittelalters und der Renaissance bildete sich dagegen eine dreigliedrige Opposition aus – abgeleitet nach dem Konzept von Boehm9) – indem zwischen dem Einen, der materiellen geographischen Welt, abgebildet durch Küstenlinien und Staatsgrenzen, und dem Anderen, der spirituellen Welt, die immateriell und somit nicht abzubilden ist, eine Verbindung geschaffen wird. Beide Welten negieren sich nicht gegenseitig, sondern sind in ein und demselben Bild zu fassen, nämlich in der vormodernen (Welt-)Karte, in die ein alternativer Sinn additiv zur modernen Intention einer Karte hineininterpretiert werden muss. Um diese Überscheidung adäquat darzustellen, dienten dem damaligen Kartographen die beschriebenen Darstellungen. Abbildungen dieser Art waren jedoch keine rein künstlerischen Interpretationen der Wirklichkeit, sondern sie waren die Wirklichkeit; die Fantasie, die notwendig gewesen wäre, um etwas nicht-existentes künstlerisch zu verarbeiten, ist eine Erfindung der Neuzeit.10) Die Existenz dieser Darstellungen war hauptsächlich weder dekorativen Ursprungs, noch ist ihre Entstehung auf die oft erwähnte Angst des Kartographen vor der leeren Fläche, dem „Horror vacui“11), zurückzuführen. Die Darstellungen hatten einen konkreten Grund in der heilsgeschichtlichen Vorstellungswelt der Menschen: Das althergebrachte Wissen stand im Kontrast zu ständigen Erweiterungen der materiellen, geographisch durchreisten Welt. Dieser Konflikt manifestierte sich im Bild der vormodernen Karte. Nicht Angst, Fantasie oder ein gewisser Sinn für Ästhetik trieben den Kartographen dazu, das Innere Afrikas mit Gebilden auszuschmücken; vielmehr war es das Bestreben, die religiös-transzendente Weltsicht mit der aufkommenden wissenschaftlichen Denkweise der beginnenden Moderne in einem Kartenbild als Fenster zu vereinen, das einen Blick in beide Welten gleichzeitig und ohne Negation erlaubte.

Kartenbeispiele

‹5› Ein Musterexemplar der Verbindung von irdischer und geistlicher Darstellung stellt die Ebstorfer Weltkarte dar, die Anfang des 14. Jahrhunderts sehr wahrscheinlich im Benediktinerinnenkloster Ebstorf entstanden ist (Abb. 2).12) Entgegen der heutigen Vorstellung einer Karte stellt sie ein Bildnis, eine Demonstration der göttlichen Schöpfung mit Jerusalem im Zentrum dar, deren Schwerpunkt eindeutig auf dem religiösen Aspekt liegt, auch wenn der Verfasser bereits „geographische Kenntnisse und naturwissenschaftliches Wissen verarbeitet.“13) Dennoch ist Afrika anhand seiner Küstenlinien kaum zu erkennen. Der Kontinent ist zweigeteilt in eine Nord- und eine Südregion. Im geographischen Norden (die Karte ist nach Osten ausgerichtet) sind an der Mittelmeerküste die Darstellungen ‚zivilisierter‘ Städte zu erkennen. Diese Region stellt die besiedelte Ökumene dar. Weiter im Süden befinden sich dagegen zahlreiche Tiere, welche einerseits die Gefährlichkeit der Wüste darstellen, anderseits aber auch die Vielfalt von Gottes Schöpfung repräsentieren sollen. Unter ihnen finden sich reale Lebewesen wie Kamele und Leoparden ebenso wie Fabelwesen, etwa geflügelte Schlangen und Gestalten, die man als menschenähnlich bezeichnen könnte. Außerdem erkennt man in der Südregion Darstellungen zum Teil deformierter Menschen, deren Bedeutung durch Texte erläutert wird. Einigen Menschen fehlt die Zunge, sodass sie sich nur über Gebärden ausdrücken können, andere sind gegen Schlangenbisse immun und wieder andere haben keine Ohren.14) All diesen Darstellungen ist gemein, dass sie keine bloßen ästhetischen Lückenfühler im Gesamtbild der Karte darstellen, sondern in sie ein Sinn interpretiert werden kann. Die Menschen mit zu vielen oder zu wenigen Gliedmaßen sind keine in christlichen Texten erwähnte Gestalten; doch mit ihrer Darstellung wird die Ökumene von der restlichen Welt abgeschnitten. Die irdische und geistliche Welt wird als bildliche, nicht aber als realweltliche Einheit dargestellt. Im Zwischenraum von Nord- und Südregion finden sich besonders viele Tiere und Ungeheuer, die eine Verbindung zwischen beiden Gebieten verhindern. Während vertikal – zwischen himmlischer Spiritualität und weltlicher Geographie – also eine Überschneidung stattfindet, kann eine horizontale Vereinigung zwischen Europa und dem südlichen Afrika nicht gelingen. Die Bedeutung der horizontalen und vertikalen Dynamik wird weiter erhöht, wenn man sich darüber bewusst wird, dass mit Frau Mauro ein Mönch, also ein Vertreter der geistlichen Interessen, der Schöpfer der Karte war.

‹6› Ein zweites Beispiel ist Dulcerts Karte von 1339 (Abb. 3). Sie war eine der ersten Seefahrerkarten (ein sog. Portolan, von ital. portolano „Schifferhandbuch“) und „die erste ihrer Art, die das Innere Afrikas zeigt.“15) Neben einigen anderen Abbildungen wie Kamelen und Bergen fällt hier das Bild eines weißen Mannes auf, der anhand von Krone und Zepter eindeutig als König zu identifizieren ist. Neben seinem europäischen Aussehen entdeckt man Komponenten, die der Kartograph zweifellos mit dem ihm bekannten Teil Afrikas identifizierte: Kissen, Turban und ein sarazenisches Gewand sind als Attribute der nordafrikanischen Araber zu identifizieren. Die Person stellt König Melly dar, den Herrscher von Mali, dessen sagenumwobener Reichtum auf historischen Tatsachen beruht. Die prächtige Pilgerreise des Königs Mansa Musa machte das Königreich auch in Europa bekannt, wodurch die Erzählung über dessen Herrscher – als einer der wenigen bekannten Könige des subsaharischen Afrika – in der Folgezeit legendenhaften Charakter annahm.16) Neben König Melly sind in südöstlicher Richtung zwei Nubier abgebildet, zu denen Dulcert schreibt, sie kämpften unter dem afrikanischen Priester Johannes gegen die Muslime. Als Hintergrund dieser Abbildung dienten Berichte aus Jerusalem und Ostafrika, wo tatsächlich Christen zu finden waren, aber natürlich nicht unter dem Befehl eines Johannes. Zwischen Atlasgebirge und den besagten Personen sind zahlreiche Tiere eingezeichnet, die in der als „unbrauchbar“ titulierten Wüste platziert sind: Elefanten, Vipern, Tiger usw.17) Tatsachen vermischen sich also mit Legenden, die auf dem religiösen und wirtschaftlichen Denken der Zeitgenossen beruhen. Die heilsgeschichtliche Hoffnung auf das Reich des Johannes und der irdische Neid auf das Gold des Melly vereinen sich hier wie in der Ebstorfer Weltkarte zu einem Raum, der durch die schreckliche Wüste von der Ökumene getrennt und unerreichbar ist.

Die afrikanische Wüste als Ort der Vereinigung von materieller und immaterieller Welt

‹7› Bei den Darstellungen von sagenhaften christlichen Herrschern und Fabelwesen stellt sich die Frage, warum sie in Afrika zahlreicher auftraten als auf anderen Kontinenten. Natürlich spielt es hierbei eine Rolle, dass der südliche Kontinent kaum erforscht war, sodass in den unbekannten Regionen genug Raum für Darstellungen gegeben war. Vor allem aber stellt die Wüste als dominierende Landschaftsform Afrikas, wie man es damals kannte, in der christlichen Lehre den Schauplatz besonderer heilsgeschichtlicher Erfahrungen dar. Sie war keine weiße Fläche, die es zu bemalen galt. Vielmehr wird die Wüste „zum Sprachbild, (…) [welches] das von allem diskursiv gelöste Bild [repräsentiert].“18) In der endlosen Wüste scheint der Sinn der Darstellungen umso intensiver hervorzutreten. War die Wüste in jüdischer Zeit noch Ort des Schutzes, als Moses sein Volk aus Ägypten führte, wandelt sich der Charakter im Neuen Testament. In der Wüste musste Jesus dem Teufel widerstehen. Eremiten versuchten, in der Einsamkeit den Dämonen zu entsagen. Die Wüste wurde zu einem Ort, an dem man seinen Glauben prüfte, um im Erfolgsfall aber nicht die Wüste geographisch zu durchqueren, sondern ins Himmelreich aufzusteigen.19) Die Wüste ist ein Ort der Einsamkeit und Gefahr, die dem mittelalterlichen Ethnozentrismus Grenze der eigenen bewohnbaren Welt war.20) Jenseits der Wüste konnten Wünsche und Hoffnungen der Menschen in Erfüllung gehen, die aber ganz im Sinne des christlichen Verständnisses vom leidvollen Leben, das erst durch das Seelenheil endete, unerreichbar waren. Umso mehr hatten die Darstellungen einen betont religiösen Charakter inne, auch wenn dies etwa bei Nilpferden oder Menschen ohne Ohren nicht sofort auffällt. Sie sind als Geschöpfe Gottes anzusehen, die nur in der Bilderwelt wahrnehmbar waren.

Das Ende des Bildcharakters von Karten

‹8› Fast genau 120 Jahre später wurde das Ende der bildhaften Konzeption von Karten eingeleitet. Der Mönch Fra Mauro entwarf 1459 eine Weltkarte, bei der er sich von den traditionellen Weltvorstellungen durch zahlreiche Veränderungen entfernte (Abb. 4): Er betrachtete Afrika als umschiffbar, stellte erstmals in einer europäischen Karte Japan dar und setzte Mesopotamien statt Jerusalem ins Zentrum seiner Karte. Seine Weltkarte verrät „eine kritische Einstellung zu den Quellen und folgt im Zweifelsfall empirischen Erkenntnissen“.21) Fabelwesen fehlen auf seiner Karte völlig. Das legendenhafte Reich des Erzpriesters Johannes wird erstmals mit einer realen geographischen Region, Abessinien, verbunden und somit als theoretisch erreichbar interpretiert.22) Auch wenn noch weitere Jahrhunderte vergingen, bis die letzten sagenhaften Orte von den Landkarten verschwanden – die britische Admiralität verbannte erst 1873 die nicht existierende Insel Brasil von ihren Karten23) – wichen die Darstellungen innerhalb der Karten zunehmend‚weißen Flecken‘, die jeglicher religiöser Interpretationsmöglichkeit entbehrten.

Schluss

‹9› Die Abbildungen in Afrika stellten in der Gesamtkonzeption des Kartenbildes den Beweis für die Unzulänglichkeit des Menschen dar. Sie waren angesichts des entstehenden Expansionsdrangs der Europäer Mahnmale christlicher Zurückhaltung. Nicht die Angst vor der Leere war es, die den Kartenzeichner zum Füllen der Fläche trieb, sondern die „armor infiniti, die Liebe zum Unendlichen“24), wobei man darin die unvorstellbar vielfältige Welt des biblischen Gottes, die im Denken eines spätmittelalterlichen europäischen Kartographen unweigerlich verwurzelt war, erkennen kann. Die gewaltige Terra incognita Afrikas, die in der Regel mit der Charakterisierung der Wüste in enger Verbindung stand, stellte „unzugängliche, aber bewohnbar gedachte Regionen ferner Gegenwelten dar“25), in denen die Verbindung zwischen christlichem Paradies und irdischer Welt als einzige situiert werden konnte, da die anderen Regionen der Alten Welt bereits bekannt waren. Umso mehr stellten sie Orte der Sehnsucht, zu denen es die Betrachter der Karten zog, wie auch gefahrvolle Orte der Glaubensprüfung dar. Einen Raum für die religiöse Interpretation des Betrachters zu lassen, durch ihre Ästhetik Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und verschiedene Vorstellungen zu vereinen: dies gelang spätmittelalterlichen Karten durch ihre Darstellungen besser als so manchem Kunstwerk der Neuzeit.

Literaturverzeichnis

  • Aertsen, Jan A./Speer, Andreas (Hrsg.): Raum und Raumvorstellungen im Mittelalter. Berlin/New York 1998.
  • Boehm, Gottfried: Ikonische Differenz. In: Rheinsprung 11. Zeitschrift für Bildkritik 1 (2011), S. 170–176.
  • Garin, Eugenio (Hrsg.): Der Mensch der Renaissance. Frankfurt 2004.
  • Gombrich, Ernst H.: Ornament und Kunst. Schmucktrieb und Ordnungssinn in der Psychologie des dekorativen Schaffens. Stuttgart 1982.
  • Lindemann, Uwe: Die Wüste. Terra incognita. Erlebnis. Symbol. Eine Genealogie der abendländischen Wüstenvorstellungen in der Literatur von der Antike bis zur Gegenwart. Heidelberg 2000.
  • Müller, Ulrich (Hrsg.): Burgen, Länder, Orte. Konstanz 2008 (= Mittelalter-Mythen, Bd. 5).
  • Pelletier, Monique: Der Portolan von Angelino Dulcert. In: Geographica Helvetica 9 (1994), S. 27–31.
  • Schneider, Ute: Die Macht der Karten. Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis heute. Darmstadt 2006.
  • Schneider, Ute: Die Macht der Karten. In: www.bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), URL: http://www.bpb.de/themen/YZHHE7,2,0,Weltbilder_auf_Karten.html (Aufruf am 20.08.2011).
  • Schulte, Benedikt: Die Karte als symbolische Form. Kartografische Repräsentationen des Raums und ihre Transformation durch technische Bilder: Eine vergleichende Analyse der Ebstorfer Weltkarte und Google Earth. Ohne Ort 2010.
  • Tajoli, Luciano: Die zwei Planisphären des Fra Mauro (um 1460). In: Geographica Helvetica 9 (1994), S. 13–16.
  • Warnke, Martin: Die Ebstorfer Weltkarte in einer interaktiven Weltkarte. URL: http://weblab.uni-lueneburg.de/kulturinformatik/projekte/ebskart/content/start.html
    (Aufruf am 23.08.2011).
  • Lugard, Flora S.: A Tropical Dependency. An Outline of the Ancient History of the Western Sudan with an Account to the Modern Settlement of Northern Nigeria. Cambridge 2010.

Anhang

Abb. 1 Affricae tabula nova

Die Karte kann aus urheberrechtlichen Gründen hier leider nicht abgebildet werden. Der untenstehende Link verweist jedoch auf eine im Internet verfügbare Abbildung.

Abb. 1: Münster, Sebastian: Affricae tabula nova. Basel ca. 1544. Im Zentrum der Karte, etwa im Bereich des Kongo, findet sich ein ‚Monoculus‘, ein Einäugiger. Desweiteren sind unter anderem ein Elefant, europäisch aussehende Kronen und Städte auf der Karte zu sehen.

Quelle: Münster, Sebastian: Geographia universalis, vetus et nova Basel 1545

URL: http://www.brynmawr.edu/library/exhibits/maps/munster2big.shtml (Aufruf am 21.02.2012).

Abb. 2 Ausschnitt der Ebstorfer Weltkarte

Abb. 3 Ausschnitt des Portolans von Dulcert

Abb. 3: Ausschnitt des Portolans von Dulcert, Palma 1339. Im Osten ist das Rote Meer deutlich zu erkennen, die dicken blauen Linien in der Bildmitte stellen das Atlasgebirge und seine Ausläufer dar.

Quelle: Scan des Original von Angelino Dulcert der Französischen Nationalbibliothek BNF aus [Carte marine de la mer Baltique, de la mer du Nord, de l'océan Atlantique Est, de la mer Méditerranée, de la mer Noire et de la mer Rouge] / Hoc opus fecit angelino dulcert/ ano M CCC XXX VIIII de mense augusti/ [in civitate] maioricharum (http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b7759104r)

Lizenz: Public Domain

URL: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Map_of_Angelino_Dulcert_cropped.jpg?uselang=de

Abb. 4 Weltkarte des Fra Mauro

Abb. 4: Weltkarte des Fra Mauro, ca. 1457-1459. Abgesehen von der Ausrichtung nach Süden und dem Fehlen der Alten Welt, sind bereits wichtige Merkmale moderner Karten zu finden.

Quelle: Scan des Originals der Biblioteca Marciana

Lizenz: Public Domain

URL: http://www.rab-friedrich-ramm.de/Maritimer_Exkurs_4.html (Aufruf am 28.02.2012)

Fußnoten

Zitationshinweis:

Patrick Loewert: Zwischen religiösem Produkt und Orientierungshilfe – Die Darstellung Afrikas auf Landkarten des 14. bis 16. Jahrhunderts, in: Skriptum 2 (2012), Nr. 1, URN: urn:nbn:de:0289-2012050327, Abs. XY [Datum des Zugriffes].

Karten – Repräsentationen Europas aus vier Jahrhunderten

Von Bo Stråth

Europakarten bestimmen oft die Grenzen von Europa, insofern stellen sie Repräsentationen von Europa her. Im Wortsinn meint repräsentieren etwas wieder sichtbar machen und weist auf etwas Größeres oder Authentischeres hinter dem Begriff hin. Dieser Zusammenhang wird zum Beispiel deutlich in Bezug auf den Begriff der politischen Re­präsentation, bei dem ein konstituierendes Volk hinter der parlamentarischen Repräsentation mitgedacht wird. Entsprechend sind Karten als Repräsentationen des Raumes zu betrachten: mit der Karte assoziieren wir einen kartografisch aufbereiteten größeren Raum. Der Raum beeinflusst als analytische Kategorie inzwischen wieder mehr die Gesellschaftswissenschaften, weil sich vormalige Grenzen, die wir als unveränderliche Größen angenommen hatten und die zur Kategorisierung in den Wissenschaften dienten, mit dem Ende des Kalten Krieges auflösten. Je poröser und durchsichtiger die Grenzen innerhalb Europas mit der fortschreitenden Integration werden, desto größer scheint das Interesse am europäischen Raum und seinen Außengrenzen zu werden.

Auch Begriffe wie hyper space und virtual reality problematisieren den Zusammenhang zwischen Raum und Repräsentation. Sie bilden keine tatsächlich vorhandenen geografischen Einheiten ab, sondern kreieren Repräsentationen symbolischer Räume mit neuen imaginativen Horizonten. Diesen aktuellen Repräsentationen wächst symbolische Macht zu und sie schaffen eher Wirklichkeitsbilder, als dass sie vorhandene reproduzieren. Die Deutung des Repräsentationsbegriffes hat sich damit radikal verändert. Entsprechend veranschaulichen auch Karten von Europa zeitgenössische Visionen von Europa. Eine Analyse von Karten verschiedener Epochen zeigt, wie die räumliche Dimension Europas dem zeitlichen Wandel unterworfen ist, denn Europavorstellungen sind nicht essentiell oder gar statisch. Vielmehr erscheint der Europabegriff sehr veränderlich, die Grenzen von Europa sind sensibel hinsichtlich Zeit und Raum, Geschichte und Kultur – und dies ist der Grund warum europäische Kartenprojektionen vom zeitlichen und räumlichen Wandel Europas erzählen.

Die Vorstellung von Europa als eine Art Gegenbild zum Nationalstaat verläuft quer zum Prozess der Nationenbildung seit dem frühen 19. Jahrhundert. In Bezug auf die kriegerischen Auseinandersetzungen der europäischen Nationalstaaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte die europäische Friedensordnung eine Art Gegenentwurf dar. Letztlich war Europa so auch im Faschismus und Nationalsozialismus präsent, in der Zwischenkriegszeit und im sich anschließenden Kalten Krieg. Natürlich handelt es sich bei der vorliegenden Auswahl von Europakarten nur um wenige Beispiele, um die imaginäre und fiktive Beschaffenheit des Europaprojektes zu demonstrieren. Sie zeigen, dass Europa ein Gebiet mit umstrittenen Grenzen und inhaltlichen Zuschreibungen ist. Die Abgrenzung Europas erfolgt in einzelnen Karten sehr klar und deutlich. In anderen Kartenprojektionen aber wird Europa fiktiv, entflieht der Definition und nimmt den Status eines Diskurses an. Als Fiktion gewinnt Europa an Kraft, zum Besseren und zum Schlechteren hin, als ein Friedensprojekt und als Zentrum von politischer und militärischer Macht.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde der unter osmanischer Herrschaft stehende Balkan als europäische, das übrige Reich als asiatische Türkei bezeichnet. Im 19. Jahrhundert war das osmanische Reich Teil des sogenannten „europäischen Konzerts“ (Metternich). Eine ähnliche Ambivalenz, ‚dazwischen’, also sowohl innerhalb und außerhalb Europa zu liegen, betraf auch Russland.Während Westeuropa seit dem 16. Jahrhundert mit der Eroberung des amerikanischen Kontinents beschäftigt war, eroberte Moskau große Teile Sibiriens und erreichte im Süden das Schwarze und das Kaspische Meer. In Westeuropa kümmerte man sich wenig um diese Expansion. Erst der Vorstoß in Richtung Ostsee und die damit verbundenen kriegerischen Auseinandersetzungen, vor allem mit Schweden, zwangen den Rest Europas, Kenntnis von Russland zu nehmen. Durch die Konflikte im Baltikum beschwor Russland die gespenstische Vorstellung herauf, der Ostseeraum und Osteuropa würden von seinen endlosen ‚Horden’ überschwemmt werden, zumal Reiseberichte vom asiatischen Aussehen der Russen erzählten.

Erst die Abgrenzung Europas von seinem nichteuropäischen kontinentalen Gegenstück schuf, wie Kirti Chaudhuri gezeigt hat, die Idee von Asien. Es wundert daher nicht, dass der Begriff Asien als Bezeichnung eines Kontinents aus dem Westen stammt. Darüber hinaus verhält sich die Idee von Europa als ein „Volk von vielen Völkern“ gegenüber der von Asien als einem Kontinent isomorph zueinander. Die eine Seite überträgt ihre strukturelle Einheit auf die andere im Verhältnis 1:1. Erst durch dieses komplizierte Ineinandergreifen von Gegensätzlichkeit und Gleichheit wurde Asien gegenüber Europa als eine entsprechende Einheit konstruiert.

Der Mythos von Europa und dem Stier und von Europa als Erdteilallegorie fand zahlreiche ikonografische Ausdrücke eines „irgendwie“ gedachten Europas. Die kartografische Repräsentation von Europa ab dem 16. Jahrhundert erzeugte demgegenüber ein präziseres Bild und verfeinerte die notwendig gewordene Definition des Begriffes. Es musste entschieden werden, was dazugehörte und was nicht, auch wenn häufig die binnenkontinentalen Grenzen nach Osten hin ins Unbekannte verwischt wurden. Dadurch, dass die Karten die innere Anatomie Europas visualisierten wie kein anderes ikonografisches Mittel, unterstützten sie ein genaueres Bewusstsein von Europa. Die kartografischen Repräsentationen von Europa zeigen, dass Europa eine Idee und eine Vorstellung ist, die unaufhörlich gedacht, formuliert und umformuliert wurde. Die Idee von Europa als Erdteil unterstützt historische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Einigungsprojekte, wobei die Frage von Macht und militärischer Stärke immer zentral war.

Einheit schloss Vielfalt nicht aus, sondern baute darauf auf. Dies ist deutlich im Nuovo Atlante Portatile von 1777 (Karte 1). Europa ist darin in 16 Länder oder stati principali eingeteilt.

Der Le Sage Atlas von 1807 (Karte 2) beschreibt das Europa vor der napoleonischen Expansion. 1807 schließen Napoleon und Alexander I. den Frieden von Tilsit. Napoleon plante jedoch schon damals die Eroberung Russlands und träumte von einer Hegemonie unter ihm „des colonnes d’Hercule au Kamtchatka“. Es ist nahezu unmöglich, den auf das französische Publikum zielenden Sage Atlas von 1807 nicht als eine Warnung an Napoleon zu lesen. Alles andere als unter dem französischen Alleinherrscher geeinigt, teilt die Karte Europa in 23 Länder und sieben Religionen ein, die Türkei mit islamischer Religion inbegriffen. Das Kartenbild und die Geschichte, die es vermittelt, können nicht nur als Warnung, sondern auch als eine Art Gegenentwurf zum Traum Napoleons interpretiert werden.

Nach den napoleonischen Kriegen wurde der Machtausgleich in Europa durch den Wiener Kongress 1815 etabliert. Metternich sprach mit Blick auf die Machtbalance vom europäischen Konzert. Die Revolutionsjahre und der Umsturz des Kontinents wurden von der Restauration abgelöst. Jedoch blieb das Versprechen der Revolution, von der Vereinbarkeit von Nation, Autonomie und Demokratie für viele ein Leitbild und erschütterte 1848 erneut die europäische Ordnung und Stabilität durch Machtausgleich. Die Formierung der Nationen Europas löste Konkurrenzkämpfe aus und brachte neue Nationsentwürfe (Italien, Deutschland, Skandinavien, Balkan, Südslavien) hervor. Nach kriegerischen Verwicklungen im Namen der Nation wurde der Kontinent 1871 neu gedacht. Der Prospetto Politico dell’Europa von 1874 (Karte 3) zeigt den neuen Machtausgleich.

Aus demselben Jahr stammt auch die europäische Sprachenkarte (Karte 9), in der die Vielfalt nicht in Machtkategorien gedacht wird. Die Unterteilung in zwölf Sprachgruppen (I-XII) zeigt, wie offen die Grenzen zwischen Europa und Asien waren, und dass Nordafrika danach eher zum europäischen Kulturkreis gehörte. Die Kerngruppe ist die erste, die mit Indoeuropa bezeichnet wird und zu der die Untergruppen Celti, Germani, Romani und Slavi zählen.

Der Erste Weltkrieg demonstrierte die Instabilität der Kaiserreiche und Nationalstaaten. Eine Folge des Krieges war die russische Revolution, die einerseits für viele im Westen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft weckte, andererseits jedoch von vielen anderen als neue große Bedrohung wahrgenommen wurde. Die Karte 4 aus Knaurs Weltatlas von 1928 zeigt, wie dieser Bedrohung durch eine neue Variante des Machtausgleichs nach dem Weltkrieg begegnet wurde. Er basierte auf dem Prinzip „eine Nation – ein Staat“ und einer neuen Form der Volkssouveränität. Durch Woodrow Wilsons Vorgaben für die Friedensverhandlungen in Versailles, „make the world safe for demo­cracy“, entstanden neue Staaten in Mittel- und Osteuropa: Finnland (schon 1917 im Zusammenhang mit der Russischen Revolution), Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien, die gleichzeitig als ein cordon sanitaire,eine Barriere gegen das sowjetische Ansteckungsrisiko, gedacht waren. Dieser Entwurf einer neuen europäischen Sicherheit stützte sich auf alte Vorstellungen und Urteile, nach denen die Verbreitung von russischen/asiatischen ‚Horden’ nach Westen als eine Bedrohung Europas wahrgenommen wurde. Schon Sully hatte sich 1632 in der Mitte des Dreißigjährigen Krieges (Karte 5) in seinem als „großem Plan“ bekannt gewordenen europäischen Nachkriegsprojekt eine ähnliche Ordnungsvision entwickelt.

Ein zweiter Punkt in Sullys politischem Entwurf betraf die Religion, bezog sich also auf Fürsten, die sich nicht zur „christlichen“ Religion bekannten, und bestand darin, dass man diejenigen aus Europa vertrieb, die sich nicht zur Annahme einer der christlichen Religionen bewegen ließen. Wenn aber auch der Zar von Russland sich weigern sollte, diesem „christlichen“ Europa beizutreten, nachdem man ihn dazu eingeladen hatte, dann müsse man ihn wie den türkischen Sultan behandeln, indem man ihn seiner europäischen Besitzungen berauben und ihn nach Asien zurücktreiben müsse. Europa wurde hier immer noch christlich im Sinne der Ausbreitung der römisch-katholischen Kirche definiert, was aber nach dem 30 Jahre tobenden Religionskrieg unmöglich wurde. Die Feinde Europas waren im großen Plan Sullys genauso deutlich gezeichnet wie Europa selbst.

Der Ural als Grenze zwischen Europa und Asien wurde im 18. Jahrhundert nicht zuletzt von russischer Seite unter Peter dem Großen ins Spiel gebracht. Die Grenze sollte den asiatischen Teil des russischen Reiches gegenüber einem als europäisch erachteten Teil markieren; eine Idee, die sich dann durchsetzte, ohne die Diskussion über die Zugehörigkeit Russlands zur europäischen Zivilisation zu beenden. Trotz des immer stärkeren Engagements Russlands in der europäischen Politik und seines Aufstiegs im Konzert der europäischen Mächte, besonders seit Napoleons Niederlage, wuchs im Westen die Neigung keineswegs, Russland fraglos zu Europa zu rechnen. Alexis de Tocqueville stellte zum Beispiel in seinem Buch über die Demokratie in Amerika fest, dass es 1835 zwei große Völker auf der Erde gab, die auf das gleiche Ziel zuzuschreiten schienen, die Russen und die Anglo-Amerikaner. Alle anderen Völker schienen etwa die von der Natur abgesteckten Grenzen erreicht und nur noch die Aufgabe ihrer Konservierung zu haben. Dagegen waren die USA und Russland im Wachsen begriffen, während alle anderen Länder einen Stillstand erreicht hatten.

Es läuft eine Kontinuitätslinie von Sullys rempart zur Idee eines cordon sanitaire nach dem Ersten Weltkrieg. Die Leitfrage war in beiden Fällen, wie man den Frieden sichern konnte. Die Friedensfrage war auch ein wichtiger Ausgangspunkt für Richard Coudenhove-Kalergis paneuropäische Bewegung, die Anfang der 1920er Jahre als ein Friedensprojekt gegründet wurde. In seinem Europaentwurf gab es Berührungspunkte mit Sully und mit der Idee vom cordon sanitaire, aber auch klare Unterschiede. Coudenhove-Kalergi sah Europa in einem globalen Zusammenhang. Seine Weltkarte (Karte 6) folgt der damals gängigen Auffassung von fünf Wirtschaftsgroßräumen im globalen Maßstab. Ähnlich operierte John Maynard Keynes zu jener Zeit mit seiner Europakonzeptualisierung.

Die Technik der politischen Kartografie mit dem Ziel einer europäischen Neuordnung wurde dann seit den 1930er Jahren von den Nationalsozialisten propagandistisch ausgebaut („Großraum Europa“, „Großwirtschaftsräume“). Dabei wurde die zentrale Rolle Mitteleuropas betont, die Coudenhove-Kalergi eher herunterspielte. Zwei typische Beispiele für die nationalsozialistische Verwendung von Europadarstellungen liefern die beiden Plakate: Das erste illustriert die angebliche Einkreisung Deutschlands durch feindliche Mächte Anfang der 1930er Jahre, wobei der Hinweis auf die Begrenzung der Armee Deutschlands auf 100.000 Mann im Versailler Friedensvertrag nicht fehlen darf (Karte 8). Das zweite Plakat zeigt Deutschlands Rolle nach den Kriegserfolgen von 1939/40 als Garant der europäischen Zivilisation gegen die Bolschewiken und Stalins Sowjetunion im Osten, wobei Großbritannien als Friedhof Churchills ausgeklammert wird (Karte 10).

Im Kalten Krieg wurde der „Eiserne Vorhang“ zu einer Trennlinie quer durch Europa, was zahlreiche Karten zeigen, die hier nicht reproduziert werden können. Wegen der Belastung durch die Nationalsozialisten und wegen dieser Ost-West-Polarisierung verschwand der Begriff Mitteleuropa. Europa bestand nunmehr aus West- und Osteuropa. Mitteleuropa kam nach 1990 zurück, eher in der englischen Form Central Europe, um Kontinuitätslinien zum nationalsozialistischen Begriff zu vermeiden. Einige der Kernländer des cordon sanitaire nach dem Ersten Weltkrieg definierten sich in den 1990er Jahren als Central Europe, um eine deutliche Abgrenzung zu Russland zu betonen. Osteuropa war nun der Begriff, der für Russland, Weißrussland und die Ukraine übrig blieb. So gesehen lebte die alte Trennlinie im Osten wieder auf, auch wenn sie seit dem Kalten Krieg verschoben ist. Die auf den Eurobanknoten abgebildeten Karten der Europäischen Union der 25 weisen schematisch auf diesen Umstand hin.Hier stehen eigentlich nur die Konturen West-, Nord- und Südeuropas als Symbol für ein nicht zuletzt durch die Einführung des Euro wirtschaftlich und politisch geeintes Europa. Die gesamte Ostgrenze verschwimmt, da der kartografische Ausschnitt abgeschnitten wird. Überwölbt werden die Kartendarstellungen durch Brücken, um symbolisch zu verdeutlichen, dass Europa keine Festung, sondern offen ist und Verbindungen schaffen will, statt abzugrenzen und auszuschließen. Aber die Schlüsselfrage für die Zukunft Europas bleibt, inwieweit die Ostgrenze eine Festung zementieren oder ob es der Europäischen Union gelingen wird, über Durchlässigkeit und Austausch eine stufenweise politische, wirtschaftliche und kulturelle Transformation an den östlichen Rändern zu fördern. Die Frage ist aber auch, ob eine um Rumänien, Bulgarien und die Türkei erweiterte EU eine binneneuropäische Grenzlinie zwischen den germanischen und romanischen Teilen auf der einen Seite und den slawischen auf der anderen entwickeln wird. Und zu fragen ist auch, wie Europa aus der Perspektive der Balkanhalbinsel künftig aussehen wird.

Die Zukunft Europas ist heute genauso offen wie sie es immer war, und die hier vorgestellten Karten belegen, dass es sich bei Europa um eine Idee handelt, die unaufhörlich von seinen Intellektuellen und Bürgern neu zu denken und zu formulieren ist. Die ausgewählten Karten machen deutlich, wie Traditionen der Repräsentationserstellung Europas mithilfe von Karten bestehen. Die venezianische Karte von 1777, der Ausschnitt aus dem Le Sage Atlas und die anderen Karten zeigen, sei es nun mit scharfen oder unscharfen Konturen, ein sich im ständigen Wandel befindliches Bild von Europa.


[1] Essay zu den Quellen Nr. 3.10, Europakarten seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Ich danke
James Kaye für anregende Gespräche zum Thema dieses Beitrages und für seine Hilfe bei der Quellensuche. Ebenso danke ich Angela Schenk für die sprachliche Überarbeitung sowie Iris Schröder und Rüdiger Hohls für sehr gute Vorschläge im Rahmen ihrer Herausgebertätigkeit für diesen Band.

[2] Harley, John B., The new nature of maps. Essays in the history of cartography, hg. von Paul Laxton, Baltimore 2001; Black, Jeremy, Maps and politics, London 1997; Jacob, Christian, L'empire des cartes: approches théoriques de la cartographie à travers l'histoire, Paris 1992.

[3] Siehe hier vor allem Wolff, Larry, Inventing eastern europe. The map of civilisation on the mind of enlightenment, Stanford 1994.

[4] Schmale, Wolfgang, Geschichte Europas. Wien 2000, S. 53. Vgl. auch Wolff (wie Anm. 3).

[5] Chaudhuri, Kirti N., Asia before

[6] Schmale (wie Anm. 4), S. 53.

[7] Diese sind nummeriert von I bis XVI: Portugal, Spanien, Deutschland (mit Wien als Hauptstadt), die Schweiz („Gli Svizzeri“ im Plural), Italien (fast hundert Jahre vor der Einigung), die Niederlande, die Britischen Inseln, Dänemark, Norwegen (aufgeführt als selbständiges Land, was zwar formal richtig war, aber in Wirklichkeit war Norwegen damals eine Provinz unter dem alleinherrschenden dänischen König), Schweden, Russland, Preußen (Hauptstadt Königsberg), Polen (Hauptstadt Krakow), Ungarn (Hauptstadt Pressburg, das heißt Bratislava) und die europäische Türkei. Diese Staaten hatten dem Begleittext gemäß fünf verschiedene Regierungsformen: eine despotische, monarchische, aristokratische, demokratische und eine gemischte. Die einzige Despotie war die Türkei. Die Republik Venedig wurde als Beispiel für die Aristokratie und Genf für die Demokratie genannt; letztlich kamen also neue politische Einheiten hinzu, in Ergänzung zu den 16 Hauptstaaten. Welche Regierungsform nach Auffassung des Autors am besten war, lässt sich nicht ohne weiteres herauslesen, aber klar ist für den Autor, dass die Despotie am schlechtesten ist. Europa hatte drei Kaiser, den deutschen, den Zar von Moskau und il Gran Signore der Türkei, elf Könige (Spanien, Portugal, England, Polen, Dänemark, Schweden, Preußen, Ungarn, Böhmen, die Zwei Sizilien und Sardinen), einen Erzherzog (Österreich), einen Großherzog (Toskana), den Papst, vier große und vier kleine Republiken. Hier wurden also wiederum neue politische Einheiten aufgezählt, die zur Vielfalt der europäischen Einheit beitrugen. Zur politischen Geschichte Europas im 18. Jahrhundert siehe Blanning, Timothy C. W. (Hg.), The eighteenth century. Europe 1688-1815, Oxford 2000.

[8] Frankreich wurde 18 Jahre nach der Revolution noch immer als katholisch und protestantisch eingestuft. Erstaunen ruft jedoch die prominente Berücksichtigung des Feldzugs des schwedischen Königs Karls XII. zwischen 1700 und 1718 hervor, dabei fast an das Schicksal von Ahasverus erinnernd, weil ruhelos umherirrend in Russland, Osteuropa und der Türkei. Die Karte hat einen ausführlichen Begleittext, in dem Karls XII. letztlich hoffnungsloses Projekt geschildert wird. Sie zeigt auch die Teilungen Polens zwischen 1772 und 1795 durch Russland, Preußen und Österreich, jedoch ohne Beteiligung Frankreichs. Zur politischen Geschichte Europas um 1800 siehe Blanning, Timothy C. W. (Hg.), The nineteenth century. Europe 1789-1914, Oxford 2000.

[9] Schmale (wie Anm. 4), S. 53. Der Machtausgleich geschah durch vier Imperien im Osten (Russland, Deutschland, Österreich-Ungarn, Türkei) und größere Nationalstaaten wie Italien, Spanien und Frankreich neben kleineren eingesprengten Einheiten wie Griechenland, Belgien, den Niederlanden und Dänemark. Im Westen das Vereinigte Königreich Großbritannien mit seinem Imperium außerhalb Europas und im Norden die Vereinigten Königreiche Schweden und Norwegen.

[10] Dazu gehörten interessanterweise auch Armenen und Kurden. Die großräumige Varianz des Grenzverlaufs zwischen Europa und Asien wird auch betont bei: Schultz, Hans-Dietrich, Europa: (k)ein Kontinent? Das Europa deutscher Geographen, in: Schröder, Iris; Höhler, Sabine (Hg.), Welt-Räume. Geschichte, Geographie und Globalisierung seit 1900, Frankfurt am Main 2005. Karte 9 ist nur im Webportal zum Buch einsehbar.

[11] „[...] von Moskau oder Polen rede ich hier nicht: Dieses ungeheuere Land, welches sich auf sechshundert Meilen in die Länge und auf vierhundert in die Breite erstreckt, wird zum Teil noch von Götzendienern bewohnt, zum Teil auch von schismatischen Griechen und Armeniern, deren Gottesdienst mit tausenderlei abergläubischen Gebräuchen vermischt ist und mit dem unsrigen eben deswegen sehr wenig Ähnlichkeit hat; es kann überdies mit ebenso vielem Grunde zu Asien als zu Europa gerechnet und für ein ganz unzivilisiertes Land gehalten werden, so dass es mit der Türkei in eine Klasse gehört, ob man ihm gleich fünfhundert Jahren eine Stelle unter den christlichen Mächten angewiesen hat.“ Zit. n. Schmale (wie Anm. 4), S. 54-55.

[12] Zur konfessionellen Spaltung Europas in der Frühen Neuzeit siehe Schilling, Heinz, Die neue Zeit. Vom Christenheitseuropa zum Europa der Staaten, 1250 bis 1750, Berlin 1999.

[13] Schmale (wie Anm. 4), S. 55.

[14] Coudenhove-Kalergi projizierte seine politisch-ökonomischen Europapläne in die Karte: Sein Paneuropa umfasste auch die französischen, spanischen und portugiesischen Kolonien, erstreckte sich also nicht allein auf den Kontinent Europa, klammerte allerdings Großbritannien mit seinem Empire und Russland bzw. die Sowjetunion aus. Die Zuordnung der Türkei, Äthiopiens und Siams (nach 1939 Thailand) wurde im Sinne offener Entwicklungen mit Fragezeichen versehen. Links unten im Kartenbild ist „Paneuropa“ als Detailskizze mit den Grenzen der Nationalstaaten ausgewiesen. Zu Richard Coudenhove-Kalergis Plänen vgl. Orluc, Katiana, A wilhelmine legacy, Coudenhove-Kalergi's Pan-Europe and the crisis of european modernity, 1922-1932, in: Eley, Geoff; Retallack, James (Hg.), Wilhelminism and its legacies. German modernities and the meanings of reform. 1890-1930, New York 2004, S. 219-234.

[15] Zur politischen Kartografie der Zwischenkriegszeit siehe Herb, Guntram H., Under the map of Germany. Nationalism and propaganda 1918-1945, London 1997. Karte 10 ist nur im Webportal zum Buch einsehbar.

[16] Ansichten der Banknoten liefert die deutsche Bundesbank, in:      
(05.12.04)


Literaturhinweise:
  • Harley, John B., The new nature of maps. Essays in the history of cartography, hg. v. Paul Laxton, Baltimore 2001

  • Herb, Guntram H., Under the map of

  • Jacob, Christian, L'Empire des cartes: approches théoriques de la cartographie á travers l'histoire, Paris 1992

  • Schröder, Iris; Höhler, Sabine (Hg.), Welt-Räume. Geschichte, Geographie und Globalisierung seit 1900, Frankfurt am Main 2005

  • Wolff, Larry, Inventing eastern europe. The map of civilisation on the mind of enlightenment, Stanford 1994

Zugehörige Quelle:
Europakarten (Auswahl, 18. - 20. Jahrhundert)

0 thoughts on “Karten Analysieren Erdkunde Beispiel Essay

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *